Garne im Chinesischen Textilfirmen Areal Macrolotto II,  Prato bei Florenz, KK 2008

 

 

Angelika Stepken

 

Vorwort

 

CINA_CINE_CRIME  ist ein komplexes, nachhaltiges und unabschließbares Projekt der Beobachtung, des Studiums, der Analogien und Allegorien, der Annäherungen und Distanzierungen, ein Projekt über die angebliche Unhintergehbarkeit hegemonialer Realitätsformierung und die listige Suche nach deren Rissigkeiten und den Möglichkeiten ästhetischer Produktion, die wirksam das Eigene unterläuft.

 

CINA_CINE_CRIME setzt sich zusammen aus einem Kalkül von Fragmenten, Strategien und Kommentaren, das mit Spiegelungen und Reproduktionen, Imitationen und Projektionen abendländische Ästhetik an den Parametern einer chinesischen Philosophie aufreibt.

 

CINA_CINE_CRIME komprimiert im Titel alliterarisch Komplexe des Fremden (China) und der Angst (Verbrechen), dazwischen schiebt sich die Illusion des bewegten Bildes (Cine), einer suggestiven Technik, die die Optik des Auges ausreizt,  um subjektive und kollektive Einbildungen zu produzieren.

 

30.000 chinesische Einwohner leben in Prato, einer Industriestadt in direkter  Nachbarschaft zu Florenz: jenseits des Stadttores liegen die China-Restaurants, China-Apotheken und China-Supermärkte (die Kassetten chinesischer Cantautori neben der Kasse feilbieten), daneben geschlossene Baukörper: Fabrikkomplexe, Färbereien, Garagen. Pronta Moda im Im- und Export.

 

Katharina Karrenbergs Recherche nahm hier und in Neapel, Rom und Mailand ihren Ausgangspunkt: Italien zeigt sich nicht als Szenario romantischer Erfüllungsphantasien jenseits der Alpen sondern als symptomatischer Kollaps westlicher Hegemonie, ihrer Bild- und Machtpolitiken, ihrer Abspaltungen und Verwerfungen.  

 

Im Cinquecento kristallisierte sich in Florenz der Knotenpunkt der Kapitalbewegungen und ihrer stofflichen Medien: die Textilindustrie der Medici generierte das monetäre und kulturelle Kapital für die imperiale Kultur der Renaissance, die den Blick zur perspektivischen Repräsentation der Welt und des Selbst formatierte. Die globalisierten Kapitalbewegungen des 21. Jahrhunderts reiben sich heute an divergierenden kulturellen Denkmodellen.

 

In ihrer vielteiligen und variablen Konstellation von Bildelementen und Bildträgern nimmt Katharina Karrenberg Bezug auf den chinesischen Begriff des „Großen Bildes, das keine Form hat“ und unterlegt ihn mit einer kritischen Sichtung abendländischer Ästhetik, die sich im Anderen, Fremden, „Chinesischen“ reflektiert.

 

In ihrem Einführungstext über den „Riss“ legt Katharina Karrenberg die Fährten aus, denen sie über mehrere Jahre in diesem Projekt folgte. Beatrice von Bismarck  konzentriert sich in ihrem Beitrag auf die Hybridisierung kultureller Bildfindungen in Zeiten mobiler Körper und Informationen während Clemens Krümmel vor dem Hintergrund seiner eigenen Sozialisation die Suche nach dem Unbekannten mit der Krise aller Stereotypien kurzschließt.

CINA_CINE_CRIME ist ein Zukunftsprojekt. Es gehört zum Gegenstand selbst, dass „die Chinesen“ viel mehr über die europäische Kultur wissen als die westlichen Nationen über die Realität der chinesischen Philosophie.

 

Ich danke Katharina Karrenberg, dass CINA_CINE_CRIME im Herbst 2008 seinen öffentlichen Ausgangspunkt in der Villa Romana in Florenz fand und allen am Katalog Beteiligten für ihre engagierte Kooperation.