Lumpen im Chinesischen Textilfirmen Areal Macrolotto II, Prato bei Florenz. KK 2008

 

RISS 
Vortrag in der Villa Romana 22 09 08
Vorwort
In der Arbeit CINA_CINE_CRIME geht es mir einerseits um den Versuch, die Machtverschiebungen, die sich durch eine Vielzahl chinesischer Firmengründungen im Europa des 20. und 21. Jahrhunderts ergeben haben, vor dem Hintergrund abendländischer hegemonialer Repräsentationsstrukturen, die im Norditalien des Cinquecento ihren ersten Höhepunkt hatten, zu untersuchen und Zusammenhänge darzustellen, ohne sofort in Gefühlen rassistischer oder feindlicher Abwehr zu erstarren. Andererseits versuche ich, für das Aufscheinen zweier extrem unterschiedlicher Ästhetiken eine Präsentationsform zu finden, die die Brüchigkeit und historische Bedingtheit abendländischer ästhetischer Erfahrung reflektiert.  Die gegenwärtig stattfindende reale Verschiebung hegemonialer Achsen schürt die schon lange schwelende Angst vor dem Unbekannten, nicht Fassbaren: der anonymen Macht »China«. Diese Macht wird als groß, dunkel, verschwiegen und furchteinflößend imaginiert. Ich hatte den Wunsch, in den europäischen chinesischen Communitys etwas über die eigenen Ängste und die sie begleitenden Fremdheitsgefühle zu erfahren, die mich befallen, sobald ich mich dort aufhalte. Inzwischen habe ich mit Hilfe verschiedener Texte über chinesisch-asiatische Philosophieästhetik, postkoloniale Theoriekritik am Multikulturalismus und Fragen zu dominanten Machtprozessen das, was ich in den »Chinatowns«sehen kann, ein wenig besser verstehen gelernt. In diesem Zusammenhang war es notwendig, sich mit unseren eigenen naturalisierten Denkmustern und Stereotypen zu befassen, die in ihrer langen Entwicklungsgeschichte scheinbar unhinterfragbar unsere Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur prägen und wie selbstverständlich fremde Kulturen bis in gegenwärtige Hybridisierungsdiskurse hinein ausgrenzen oder sich einverleiben. Dies wiederum hat mir den Blick geschärft für grundlegende Bedingungen meiner eigenen künstlerischen Arbeit: ihre Herkunft aus einem nach allen Regeln der abendländischen Kunst expandierenden, hegemonialen Ästhetik-System, das gerade hastig versucht, seine Risse zu verstopfen...

KARRENBERG